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WC diaries

MADONNA DI CAMPIGLIO:
DREIFALTIGKEIT DES WEISSEN ZIRKUS

Words: Matteo Viotto - Photos: Pentaphoto

Dem Volksglauben zufolge ist die Kabale nur ein Aberglaube, eine fanatische Doktrin, die behauptet, in den Zahlen einen tieferen Sinn zu sehen: sie hat einen Einfluss auf unsere Umgebung und kann dort die Realität verändern.

In der Welt des Sports erhalten diese Mythologien eine andere Bedeutung. Sportler waren schon immer empfänglich für abergläubische Gewohnheiten und geheimnisvolle Rituale. Es liegt in der paradoxen Natur außergewöhnlicher Menschen, im Wahnsinn einen Hauch von Rationalität zu erkennen.

Die Dokumente, die die Gründung von Madonna di Campiglio belegen, gehen auf das Jahr 1190 zurück, als Raimondo auf der Suche nach der Erlösung seiner Sünden beschloss, ein Kloster zu bauen, das Reisenden Zuflucht bieten sollte. Ein Ort, der zwischen dem Val di Sole und dem Valle Giudicarie eingeschlossen ist, der seine Wurzeln zwischen dem Heiligen und dem Profanen schlägt und die Chance auf Sühne und Läuterung sucht.

Zufällig vereint sich in der Zahl 3 Spiritualität und irdische Passion. Diese Zahl wird von vielen als Vollkommenheit bezeichnet. So ist die „Bühne“, auf der die besten Skifahrer der Welt aufeinandertreffen, nichts anderes als der wohlklingende Begriff der Perfektion.
3-Tre, denn der Sieg lässt selbst den kleinsten Fehlern keinen Spielraum.

Die schmale, weiße Zunge, die 1940 von dem Alpinisten Bruno Detassis, der auch bekannt als "Il Signore del Brenta" ist, entworfen wurde, ist angsteinflößend. Das letzte Stück ist der berühmte Canalone Miramonti, der das Tor zu den mit jubelnden Fans gefüllten Tribünen ist. Sie versuchen kurz vor der Ziellinie, mit ihren tosenden Anfeuerrufen, die müden Beinen ihrer Idole wieder mit Energie aufzuladen.

Anlässlich eines des am meisten entgegengefieberten Weltcup-Nachtrennens schmückt ein roter und blauer Stangenwald die weiße Piste.

Es braucht viel Talent, um unten im Ziel anzukommen, ohne ein Tor ausgelassen zu haben. Dazu braucht es eine ordentliche Portion an Konzentration und Akribie, vor allem an den entscheidenden Stellen der Strecke. Die Details, die in der Regel den Unterschied ausmachen, erkennt man an den Ritualen. Die Athleten wählen die besten Gläser für ihre Brillen aus, denn Nachtrennen erfordern besondere Abstufungen, um den diffizilen Lichtverhältnissen gerecht zu werden.

Die 3-Tre ist ein wildes Biest, das es zu zähmen gilt und das einige der heimtückischsten Fallen in sich trägt. In der Startphase, die für Athleten dieses Kalibers eher flach ist, sind die Anfeuerungsrufe der Trainer zu hören, die ihre Schützlinge zum "Pull" auffordern, wie es im Slang heißt. Sie müssen versuchen, ein gewisses Tempo zu erreichen, um die Herausforderung der kurvenreichen Strecke zu meistern. Der erste Teil ist überschaubar, die Muskeln sind noch frisch und erholen sich schnell von der ersten Herausforderung, aber wenn die Strecke Richtung Canalone Miramonti abbiegt, beginnt ein neues Rennen.

Aussicht trügt, die Ziellinie scheint nahe und man spürt die Wärme der Menge, aber in Wirklichkeit ist es nur eine Fata Morgana. Eine Fata Morgana, die an der wohl schwierigsten Etappe des Rennens zerbricht: "The Wall of the Knee", dem steilsten Punkt, dessen Name die Schwierigkeit erahnen lässt, der sich die Athleten stellen müssen.

Der Sprung ins Leere erfordert Mut und Entschlossenheit, die Winkel sind extrem und das Gefälle ist furchteinflößend. Die letzte Strecke ist bespickt von adrenalingeladenen Richtungswechseln, ein Spektakel des Weißen Zirkus, das den Athleten bis zur roten Linie begleitet.

Einen Tag vor der Wintersonnenwende ist die Sonne bereits untergegangen.
Die Zahl drei ist erneut ein Thema.

Viele Athleten werden im zweiten Durchgang nicht mehr starten können, da sie sich nicht unter den besten 30 platziert haben.
Nur die Besten werden in der Nacht im Spotlight stehen, wenn sie das Podium besteigen.
Logischerweise werden nur noch 3 übrig sein.
3-Tre, das ist ein Tanz auf Messerschneide, den nur wenige Athleten meistern. Der Slalom ist die Disziplin der technischen Disziplinen die die Weltcup-Sportler am meisten herausfordert.

Sogar die Kneipe die unmittelbar neben dem Audi-Skistadion steht, wirkt wie eine prophetische Warnung an die Athleten - die in den Sessellift steigen, um an den Start zu kommen. Der „Hungry Wolf“ ist ein fester Treffpunkt der Zuschauer. Sie wärmen sich dort vor dem Rennen auf und trinken ein Bier oder ein gutes Glas Wein. Gleich im Anschluss wird sich zeigen, wer auf den steilen Hängen des Canalone Miramonti das Rennen für sich entscheidet und als Sieger gefeiert wird.

Nach der Siegerehrung schwärmt eine zufriedene und jubelnde Menge in das Nachtleben von Madonna di Campiglio, wo es in den engen Gassen an Clubs und Bars nur so wimmelt.

An diesem magischen Ort fehlt es an nichts. Die Fans die richtig durchhalten, können den Abend im Piano 54 fortsetzen. Das ist die Kultstätte im Nachtleben von Madonna di Campiglio, an der die Afterparty nach dem Rennen fast schon offiziell stattfindet. Man spürt weiterhin den Spirit des Weißen Zirkus, auch wenn die Gesichter inzwischen entspannter sind, jeder das Tanzbein schwingt und die Athleten ein paar freie Stunden genießen, bevor sie sich wieder in den Konvoi begeben.

Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, die Scheinwerfer, die die 3-Tre Piste beleuchteten, haben fast die glitzernde Weihnachtsbeleuchtung in den Schatten gestellt.


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