Kunst auf der Oberfläche

Nordica's Schalen und die "künstlerische" Historie ihrer Technologien

Seit Urzeiten stellt sich die Menschheit immer wieder folgende Frage: In welcher Beziehung stehen die Natur und all das, was wir Menschen schaffen und immer wieder als Kultur, Kunst und Handwerk bezeichnen, zueinander?

Prometheus, Sohn der Titanen, stahl den Göttern das Feuer, um es den Menschen als Geschenk zu überreichen: Sie machten daraus das Licht, mit dem sie den Schatten und die Dunkelheit der Nacht und aus den Höhlen vertreiben konnten. An den Höhlenwänden entstanden die ersten Bilder – jene, denen wir üblicherweise den Status von „Kunstwerken“ zuerkennen. Doch die rituellen Bestattungszeichnungen oder rudimentären Jagdszenen, die auf Granit und Kalkstein gemalt wurden entstanden nicht aus einem bloßen Drang nach Vergnügen und Schönheit – nicht ohne weiteren Sinn. Kunst um der Kunst willen, jeglicher Funktion entbehrend, ist eine spätere Idee.

Man kann die gesamte Geschichte der Menschheit zugleich als Flucht vor einem ursprünglichen Naturzustand und als Streben nach diesem interpretieren, wobei sich dieser je nach Epoche auf unterschiedliche Weise manifestiert. Von den arkadischen Utopien der antiken Lyrik bis hin zu den Abhandlungen von Locke, Hobbes und Rousseau gab es einerseits stets die Vorstellung einer unberührten Welt, in die wir zurückkehren könnten. Andererseits gab es in uns immer den spiegelbildlichen Impuls, zu verstehen, was wir von der Natur nachahmen könnten. Für Aristoteles war Kunst nichts anderes als: eine Fortführung und Verfeinerung der Mimesis, der Nachahmung dessen, was schon, bevor es vom menschlichen Auge wahrgenommen wurde, in der Natur vollkommen harmonisch und von Schönheit erfüllt war.

Funktion: Die Idee kehrt mit Nachdruck zurück, wie ein notwendiges und endgültiges „Warum“, angesichts der Fragen, die sich der Schöpfer, der seinem Einfallsreichtum der Form eines Werks oder eines Objekts verleiht, immer wieder stellt.

Funktion ist das, wonach wir uns sehnen könnten, wenn zuerst unser Geist und dann die Gesten unserer Hände im Einklang mit den ungeahnten Strukturen stehen, denen wir in der Welt begegnen. Der Goldene Schnitt im Fossil einer Muschel. Die perfekten, sich wiederholenden Sechsecke, eine Nachahmung der Unendlichkeit, der Waben eines Bienenstocks.

Exakt dieses Bild hatte das Kreativteam von Nordica bei der Entwicklung der Schalenstruktur der „Machine Family“ irgendwann im Blick. Genau, als es durch die Nachbildung der Wabenstruktur des Bienennests nach jener uralten und zugleich revolutionären Verbindung zwischen Ästhetik und Funktion suchte. „Funktion“, werden die Ingenieure gemurmelt haben, leicht überwältigt von ihrem eigenen Staunen angesichts der Prototypen, die gerade aus den Formen gefallen waren. Davon bin ich überzeugt.

Die Wabenstruktur, von der ich spreche, ist das Abbild einer Geschichte, die weit zurückreicht, eine Zwischenstufe der Evolution, die uns bei genauerer Betrachtung helfen kann zu verstehen, woher wir kommen und wohin wir uns bewegen. Sie ist die Essenz der Kunst, aber auch die Essenz dessen, was wir Evolution nennen: Nichts steht still - niemals.

Kunst, Evolution, Technologie. Die Geschichte, wie eine Form der Schönheit in den Laboren von Nordica auf ihre Funktion traf, beginnt Ende der 1990er Jahre, als das Modell Exopower auf den Markt kam. Sein wichtigstes technisches Merkmal ist eine Erkenntnis, die bis heute Bestand hat: Die Anwendung eines zweifachen Kunststoff-Spritzgussverfahrens, um den Schalen ihre Form zu geben. Ab diesem Zeitpunkt gab es die Möglichkeit, zwei Materialien einzusetzen, um die Unterschiede in Dicke und Steifigkeit auszugleichen, die bei der Verwendung einer einzigen Kunststoffsorte entstanden waren.

Beim Exopower wurde das zweite Material mittels einer steiferen Exoskelett-Struktur auf das erste aufgebracht, die über Schale und Manschette eine charakteristische Lambda-Form nachzeichnete (diese zeigte – wie eine Art Landkarte – die drei Linien an, entlang derer die Kräfte auf den Skischuh verteilt wurden). Wir sprechen hier von einer Zeit, in der Produktionstechnologien noch nicht so optimiert waren wie heute: Die Formen, mit denen der Kunststoff geformt wurde, erinnerten entfernt an die ersten Drucksysteme des 15. Jahrhunderts; es handelte sich um mosaikartige Maschinen. Man kann sich Exopower und seine technischen Innovationen daher als eine Art Gutenberg-Bibel betrachten, was die Idee des Zweikomponenten-Spritzguss-Verfahrens betrifft.

Zu Beginn der 2000er Jahre durchläuft diese Idee ihre erste Weiterentwicklung: Im Nordica-Katalog erscheint die erste Generation der Speedmachine, die aus produktionstechnischer Sicht einen Wendepunkt in der Produktion einläutete, indem sie das Exopower-System in die erste Version der heutigen 3Force-Technologie verwandelte. Die Fortschritte sind beachtlich: Die Kontaktstellen zwischen den beiden Materialien wurden nach einer funktionaleren Logik neu gestaltet, begleitet von einem besonderen ästhetischen Anspruch. Die transparenten Kunststoffteile sollten die fortschrittlichen Technologien und das Know-how, die hinter dem Endprodukt steckten, präsentieren. Es überrascht keineswegs, dass im kreativen Prozess Künstler und Designer vom Kaliber eines Giorgetto Giugiaro hinzugezogen wurden.

Mitte der 2010er Jahre kam die zweite Generation der Speedmachine auf den Markt, und weltweit erhielten Skifahrer so die Möglichkeit, den weiteren Qualitätssprung hautnah zu erleben. Nicht nur in ästhetischer Hinsicht, sondern auch hinsichtlich der Effizienz der 3Force-Technologie, die in den Laboren von Nordica kontinuierlich weiterentwickelt und optimiert wurde. Das Zusammenspiel der Kunststoffe an ihren Kontaktpunkten wird weiter verbessert. Das besondere Augenmerk wird auf die richtige Auslegung der Materialstärken gelegt. Zusätzlich entwickelt sich das Konzept des Exoskeletts zu dem weitaus effektiveren einer „Skelettstruktur“, die fast vollständig im Inneren der Schale und des Schafts liegt.

Doch erst mit der dritten Generation entfaltet diese Technologie ihr volles Potenzial.

Die mitten in der Covid-19-Pandemie gelaunchte Speedmachine 3 Kollektion macht sich die Lambda-Form vollständig zu eigen. Das starre Material, aus dem die Skischuhe gefertigt sind, bildet das Skelett, das so optimiert ist, dass es beim Skifahren eine maximale Stabilität gewährleistet. Das Design der Schale spiegelt diese Entwicklung wider, indem die innere steifere Struktur des Skischuhs durch „kleine Fenster“ sichtbar gemacht wird. Diese sind in den, weicheren, außen aufgebrachten Kunststoff eingearbeitet. Eine Idee, die derjenigen ähnelt, die in den Sohlen der legendären „Air“-Sneaker-Linie von Nike zu finden ist. Doch gerade im Zusammenspiel der Kunststoffe liegt der eigentliche konzeptionelle Kern des Zweikomponenten-Spritzgussverfahrens, und so kehren wir zu jenem Bild der Wabe zurück, mit dem die Geschichte begann. Durch die Nachbildung der Wabenstruktur, gelang es dem Entwicklungsteam von Nordica, mit der naturgegebenen Festigkeit, die eine solche Anordnung von Formen garantiert, der Wendepunkt für die weitere Optimierung der Performance von Pistenskischuhen zu finden.

Wenn es stimmt, dass die Kunst das Leben nachahmt, kann es manchmal vorkommen, dass dieser Zusammenhang durch einen glücklichen Zufall zustande kommt. So, dass das Bestreben eines Künstlers, etwas Schönes und Funktionales zu schaffen, rein zufällig etwas ähnelt, das die Natur bereits geformt hat. Bei der Entwicklung der Promachine, konnte Nordica durch die Zusammenarbeit mit der Universität Trient, mithilfe generativer Designverfahren ein System der Wechselwirkung zwischen den Kunststoffen erforschen, das noch effizienter als die Wabenstruktur ist. Die neue Struktur, die nach einem Prinzip konzipiert wurde, das darauf abzielt, bei reduziertem Gewicht die gleiche Steifigkeit beizubehalten, wird mir von den Ingenieuren als ähnlich der inneren Knochenstruktur beschrieben.

Funktion. Die Ästhetik ordnet sich ihr unter und wird zu einer glücklichen Folge innerhalb eines Prozesses, der zwar künstlerische Aspekte und das Streben nach Schönheit beinhaltet – aber immer die Notwendigkeit, der Logik und des Nutzens in den Vordergrund stellt.

Im Gespräch mit den Entwicklern stellte ich irgendwann eine Frage zum Design der Nordica-Skischuhe, die wohl auf alle etwas naiv gewirkt haben muss – eine Frage, die vielleicht ein Künstler gestellt hätte. „Ein Skischuh ist keine Skulptur“, antwortete mir einer von ihnen, sichtlich verlegen.

Nein, er ist keine Skulptur. Das nimmt ihm jedoch nicht auch nur einen Hauch seiner funktionalen Schönheit.